Autor: Dan Gemeinhart
Titel: The Remarkable Journey of Coyote Sunrise
Erschienen bei: Henry Holt and Co., 2019
Ausschnitt übersetzt von Anya Lothrop

Original Übersetzung
One Eins
There were big days and there were small days and there were bad days and there were good days and I suppose I could pick any one of 'em for my "once upon a time." But if I'm gonna be truthful–and truthful is something I always aim to be–then really there is only one best place to start this story.
Es gab große Tage und es gab kleine Tage und es gab schlechte Tage und es gab gute Tage und ich könnte wohl jeden x-beliebigen davon für mein „Es war einmal” auswählen. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll – und ich gebe mir grundsätzlich Mühe, ehrlich zu sein – gibt es nur einen Tag, mit dem diese Geschichte anfangen kann.
It all started with Ivan.
Alles begann mit Ivan.
Once upon a time, it was hot and I was sweaty. It was about five months before my thirteenth birthday, give or take. We were someplace in Oregon. Honestly, I don't even remember the name of the town, but I know it was on the dry, hot side of the state, away from the ocean. The whole world was so yellow and shining from the beating-down sun that you had to squint no matter where you looked. The blacktop of the gas station parking lot radiated the heat right back up at you so it felt like you were getting cooked from both sides. I suppose most barefoot people would've been hooting and hopping with that sizzling asphalt burning the bottoms of their feet, but my soles were used to it and I walked along easy as you please. My T-shirt was stuck with sweat to my back. The braid that hung down nearly to my blue jean belt loops slapped wetly against it as I walked.
Es war einmal ein heißer Tag und ich war ziemlich verschwitzt. Das war so ungefähr fünf Monate vor meinem dreizehnten Geburtstag. Wir waren irgendwo in Oregon. Ich kann mich nicht mehr an den Namen des Ortes erinnern, aber ich weiß, dass es auf der trockenen, heißen Seite des Staates war, weit weg vom Meer. Die ganze Welt war so gelb und grell von der glühenden Sonne, dass man die Augen zukneifen musste, egal wohin man schaute. Der Asphalt der Tankstelle schleuderte einem die Hitze von unten entgegen, und man hatte das Gefühl, von beiden Richtungen gegrillt zu werden. Die meisten Leute wären beim Versuch, hier barfuß zu gehen, wohl fluchend herumgehüpft, weil ihnen der Boden die Füße verbrutzelte, aber meine Fußsohlen waren daran gewöhnt und ich schlenderte lässig darüber hinweg. Das T-Shirt klebte mir am Rücken. Der lange, geflochtene Zopf, der mir bis fast an die Gürtelschlaufen meiner Jeans reichte, war klatschnass.
The man behind the counter looked at my bare feet and started to say something. "Miss, you can't–" but I knew where he was going with it before he started. That tyrannical "No Shoes, No Shirt, No Service" rule is pretty darn universal in America's gas station convenience stores. I just waved at him and cut him off. "I know, I know," I said, and kept walking. "I'll only be a minute."
Der Mann hinter dem Tresen schaute auf meine nackten Füße und wollte gerade loslegen mit „Hey, du darfst hier nicht …”, aber ich wusste schon, was er sagen würde, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Die tyrannische „Keine Schuhe, kein Hemd, keine Bedienung”-Regel ist in amerikanischen Tankstellenshops allgegenwärtig. Ich winkte ihm kurz zu, sagte „Ja, ja, ich weiß” und ging weiter. „Dauert nur 'ne Minute.”
I'd never been in that particular gas station before, but it was exactly the same as every other one, so really I'd been in it a million times. Rows of plastic-wrapped junk food. Walls lined with glass-doored coolers full of pop and beer and flavored iced teas. I walked past the metal racks of beef jerky and candy bars to the pot of gold at the end of my rainbow: the slushy machine.
Ich hatte diesen Tankstellenladen vorher noch nie betreten, aber er war genau wie alle anderen, also war ich doch schon tausendmal dort gewesen. Reihenweise in Plastik verpacktes Junkfood. An den Wänden Kühlregale mit Glastüren, gefüllt mit Limo, Bier und aromatisiertem Eistee. Ich ging an den Metallständern mit Beef Jerky und Schokoriegeln vorbei auf den Goldschatz am Ende meines Regenbogens zu: den Slushy-Automaten.
There it was, humming in the corner next to the coffee dispenser and soda fountain. My mouth started watering as soon as I saw that neon-colored sugar slush swirling around under the big plastic dome.
Da war er. Er brummte in der Ecke neben der Kaffeemaschine und dem Getränkespender vor sich hin. Beim Anblick der neonfarbenen, zuckrigen Eismasse, die unter der großen Plastikkuppel umhergewälzt wurde, lief mir sofort das Wasser im Mund zusammen.
There was a kid standing in front of it, looking up at the churning slurry with desire written plain and clear across his face. He was seven or eight and staring up at the left flavor, which was an unlikely pinkish color labeled "Wild Watermelon."
Ein Junge, etwa sieben oder acht, stand vor dem Automaten und sah sehnsüchtig hoch zu dem sich drehenden Gemisch. Er starrte auf die linke Sorte, die quietschpink war und sich „Wilde Wassermelone” nannte.
"Big mistake," I said, walking up next to him and grabbing a cup from the pull-down dispenser.
„Großer Fehler”, sagte ich, als ich auf den Automaten zuging und mir einen Becher aus dem Spender zog.
He jerked his head to look at me.
Ruckartig wandte er den Kopf in meine Richtung.
"What is?"
„Was ist ein Fehler?”
I nodded with my chin at the slushy he was coveting.
Ich deutete mit dem Kinn auf den Slushy, nach dem er so schmachtete.
"Watermelon. That's a no-go. Never waste your time with anything that claims to be watermelon or banana flavored. It's a scam every time."
„Wassermelone. Ein absolutes No-go. Mit etwas, das tut, als ob es Wassermelonen- oder Bananengeschmack hat, würde ich meine Zeit nicht verschwenden. Das ist immer Verarsche.”
He squinted at me, clearly unconvinced.
Er sah mich ziemlich unüberzeugt an.
"Doesn't matter anyway," he said. "My mom already said no." He threw his head back dramatically. "But I'm so hot."
„Sowieso egal”, sagte er. „Meine Mama hat eh schon nein gesagt.” Er warf den Kopf dramatisch in den Nacken. „Aber mir ist so heiß.”
I yanked down another cup and held it out to him.
Ich zog einen weiteren Becher aus dem Spender und hielt ihn in seine Richtung.
"Here," I said. "My treat."
„Hier”, sagte ich. „Geht auf mich.”
The kid's face lit up.
Seine Miene hellte sich auf.
"For reals?" he asked.
„Echt jetzt?”
"Yep.
„Jupp.”
But then his face dropped again, just as quick.
Aber dann verschwand die Hoffnung genauso schnell wieder aus seinem Blick, wie sie aufgekommen war.
"But Mom said no. I'll probably get in trouble."
„Aber meine Mama hat's verboten. Ich kriege bestimmt Ärger.”
I shrugged. "You're probably gonna get in trouble at some point today anyway. You may as well get a slushy out of it."
Ich zuckte mit den Schultern. „Ärger kriegst du heute wahrscheinlich sowieso noch irgendwann. Für einen Slushy würde es sich doch wenigstens lohnen.”
He thought about that for a real short second and then snatched the cup from my hand.
Er dachte eine klitzekleine Sekunde darüber nach und schnappte mir dann den Becher aus der Hand.
"But I really would think twice about getting watermelon," I added.
„Allerdings würde ich mir das mit der Wassermelone wirklich nochmal überlegen”, fügte ich hinzu.
My advice fell on deaf ears, and in a flash he was pulling down the nob and squirting glistening pink slush into his cup.
Aber ich hätte genauso gut gegen eine Wand reden können, denn in Sekundenschnelle hatte er den Hebel heruntergezogen und rosa-glänzender Slushy floss in seinen Becher.
I filled mine with the other flavor, "Funky Fruit Punch," which was the superior choice in every respect.
Ich füllte meinen mit der anderen Geschmacksrichtung, „Funky Fruchtpunsch”, in jeder Hinsicht die bessere Wahl.
The kid looked me up and down as we walked toward the cashier.
Auf unserem Weg zur Kasse beäugte mich der Junge von oben bis unten.
"You're wearing weird clothes."
„Du hast komische Klamotten an.”
I looked down at my raggedy blue jeans and grease-stained white T-shirt.
Ich schaute an mir herab auf meine zerlumpte Jeans und das weiße T-Shirt, das voller Fettflecken war.
"I'm basically wearing the same thing you're wearing," I pointed out.
„Auch nichts anderes als du”, bemerkte ich.
"Exactly," he said. "And I'm a boy."
„Eben”, sagte er. „Und ich bin ein Junge.”
"So?"
„Na und?”
"So boys and girls shouldn't wear the same thing."
„Na … Jungs und Mädchen sollten nicht dieselben Klamotten anhaben.”
"Well, then you better change. 'Cause I ain't."
„Dann musst du dich wohl umziehen. Ich tu's nämlich bestimmt nicht.”
He had nothing to say to that, which was probably the right move on his part since I hadn't paid for his slushy yet.
Darauf hatte er keine Antwort parat, aber da ich seinen Slushy noch nicht bezahlt hatte, war es wohl sowieso besser, den Mund zu halten.
I ignored the hostile, good-riddance look on the cashier's face when I paid. Like hot asphalt on bare feet, it was something I was used to.
Beim Bezahlen ignorierte ich den „Mach, dass du hier rauskommst”-Blick des Kassierers. Ich war daran gewöhnt wie an den heißen Asphalt.
Me and the kid walked through the jangling door and back out into the heat. The highway hummed not too far off in the distance.
Der Junge und ich gingen durch die bimmelnde Tür zurück in die Hitze. Nicht weit von hier konnte man das Brummen des Highways hören.
The kid took a big slurping suck on his slushy straw. He swallowed and smacked his lips and nodded.
Der Junge probierte mit einem lauten Schlürfen den Slushy, schmatzte und nickte.
"Well?" I asked. "How's the Wild Watermelon?"
„Und?”, fragte ich. „Wie schmeckt die Wilde Wassermelone?”
He ran his tongue over his lips, considering.
Er fuhr sich abschätzend mit der Zunge über die Lippen.
"Sweet," he said. "Weird. Not really like watermelon at all."
„Süß”, antwortete er. „Seltsam. Gar nicht wie Wassermelone.”
I nodded and took a suck of my delicious, flavored-as-advertised Funky Fruit Punch.
Ich nickte und trank einen Schluck von meinem Punsch, der genauso funkig lecker schmeckte, wie der Name vermuten ließ.
"Lesson learned, kid. Now you know."
„Wieder was gelernt, Kleiner. Beim nächsten Mal weißt du Bescheid.”
He looked glumly at the phosphorescent pinkness in his cup. I sighed. It's tough, seeing a kid get a bad break.
Bedrückt schaute er auf das phosphoreszierende rosa Getränk in seinem Becher. Ich seufzte. Es ist schwer mitanzusehen, wenn ein Kind unglücklich ist.
I held mine out to him.
Ich hielt ihm meinen Becher hin.
"Here," I said. "Trade."
„Hier”, sagte ich, „lass uns tauschen.”
His eyebrows shot high.
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe.
"For reals?"
„Echt jetzt?”
"Sure. I don't mind it all that much," I lied. "And you're the one who's getting in trouble. Better make it worth it."
„Klar, ist mir nicht so wichtig”, log ich. „Du bist ja schließlich der, der Ärger kriegt. Dann soll es sich wenigstens gelohnt haben.”
We swapped slushies and I took a sip of Wild Watermelon. He watched for my reaction.
Wir tauschten die Becher und ich trank einen Schluck Wilde Wassermelone. Er beobachtete meine Reaktion.
"I think," I said, "that the flavor designer at the slushy company needs to spend a little more time eating watermelon." The kid nodded. I tapped my slushy cup against his. "Cheers, kid. Enjoy."
„Ich glaube”, sagte ich, „der Geschmacks-Designer dieser Firma sollte öfter Wassermelonen essen.” Der Junge nickte. Ich prostete ihm mit meinem Becher zu. „Auf dich, Kleiner. Lass es dir schmecken.”
He said, "Thanks," and I said, "You're welcome," and then he said, "You want a kitten?" and I swallowed a mouthful of syrupy slush and licked my lips and wiped a bit of juice off my chin with my arm and said, "What?"
Er sagte „Danke”, ich antwortete „Gern geschehen” und dann fragte er: „Willst du ein Katzenbaby?”. Ich schluckte meinen zuckrigen Slushy hinunter, wischte mir mit dem Arm einen Tropfen vom Kinn und fragte: „Wie bitte?”
"You want a kitten?" he repeated. He pointed to where an older boy sat on the curb next to a big cardboard box. "We're giving 'em away. Want one?"
„Willst du ein Katzenbaby?”, wiederholte er. Er zeigte mit dem Finger auf einen älteren Jungen, der neben einem großen Karton auf dem Bordstein saß. „Wir verschenken sie. Willst du eins?”
I looked out at the big, beat-up yellow school bus parked next to one of the gas pumps.
Ich blickte zu dem großen, ramponierten gelben Schulbus, der neben einer der Zapfsäulen stand.
There was no way I'd be allowed to get a cat. It was a no-go for sure. I sighed.
Nie und nimmer würde ich eine Katze haben dürfen. Völlig ausgeschlossen. Ich seufzte.
"Well," I said, "let's go take a look, at least."
„Na ja”, sagte ich, „ich kann sie mir ja wenigstens mal anschauen.”
There were five kittens in that cardboard box, and when I leaned over to look in they all looked up at me with big round eyes and triangle ears and I tell you I was smitten.
In dem Karton saßen fünf Kätzchen, und als ich mich darüber beugte, um sie anzuschauen, blickten sie mich alle mit großen, runden Augen und dreieckigen Ohren an, und ich sag's euch, ich war sofort hin und weg.
"Who're you?" the older kid asked, and the younger one said, "She bought me a slushy," and the older kid held out his hand and the younger one handed it over. The older kid took a slurp and smacked his lips and nodded and handed it back. "You wanna kitten?" he asked. They were as brothers as brothers can be, those two.
„Wer bist'n du?”, fragte der ältere Junge und der jüngere sagte: „Sie hat mir einen Slushy spendiert.“ Daraufhin streckte ältere Junge die Hand aus und der jüngere gab ihm seinen Becher. Der ältere probierte mit einem lauten Schlürfen den Slushy, nickte und reichte ihn zurück. „Willst du ein Katzenbaby?” Es war nicht zu übersehen, dass die beiden Brüder waren.
I eyed the bus again and cocked an eyebrow. He was nowhere to be seen.
Ich schaute wieder zum Bus rüber. Ihn konnte ich nirgendwo sehen.
"Well, I guess I don't know yet. It's complicated."
„Also, ich weiß noch nicht. Das ist nicht so einfach.”
Both boys nodded. They had parents. They knew how it was. "Go ahead, pick one up," the older boy said. "Take it for a spin."
Die Jungs nickten. Sie hatten Eltern. Sie kannten das. „Heb ruhig eins hoch”, sagte der ältere Junge. „Nur zur Probe.”
I pursed my lips. They were awfully cute, those tiny things with their wispy tails and whiskers. I thought about how I could get away with it.
Ich spitzte die Lippen. Sie waren wirklich unglaublich süß, diese winzigen Dinger mit ihren zarten Schwänzchen und Schnurrhaaren. Ich überlegte, wie ich das hinkriegen könnte.
The kittens mewed up at me, squealing in scratchy little squeaks. That could be a problem.
Die Kätzchen miauten mit fiepsigen, heiseren Stimmen zu mir hoch. Das könnte problematisch werden.
"Which one's the quietest one?"
„Welches ist am ruhigsten?”
Without a moment's pause both kids pointed out the smallest one, a gray-and-white-striped puff of fur off by itself a little ways in a corner of the box.
Ohne zu zögern, zeigten beide Jungen auf das kleinste Kätzchen, ein grau-weiß gestreiftes, fluffiges Fellknäuel, das ein Stück abseits der anderen in einer Ecke des Kartons saß.
"Something's wrong with that one," the younger kid said. "The other ones never shut up. But that one hasn't made a peep since it was born."
„Mit dem da stimmt was nicht”, sagte der jüngere. „Die anderen halten nie die Klappe, aber das da hat seit seiner Geburt keinen Mucks von sich gegeben.”
"Really," I said, and narrowed my eyes in approval. "She sounds just about right, then."
„Hmmm”, sagte ich und zog die Augenbrauen zusammen. „Dann ist sie wohl die richtige für mich.”
"It's a boy."
„Es ist ein Junge.”
"It is?"
„Sicher?”
"Check for yourself."
„Schau halt selbst nach.”
"No, thanks. I'll take your word for it."
„Nein danke, ich glaub es dir auch so.”
I crouched there, looking at that little silent white-and-gray furball.
Ich saß in der Hocke vor dem Karton und schaute diesen winzigen, weiß-grauen Fellball an.
He looked back at me. He had a very serious look about him. Solemn, even. Like maybe he had it backward and what he thought was happening was him deciding whether or not to pick me. He was not a kitten to be trifled with.
Er schaute zurück und sah dabei sehr nachdenklich aus. Fast ein wenig ernst. Als hätte er die Situation andersherum verstanden und würde darüber nachdenken, ob er mich auswählen sollte oder nicht. Dieser kleine Kater war eine ernstzunehmende Persönlichkeit.