Ich setze heute die Reihe zur Erzählperspektive fort, die ich beim letzten Mal angefangen habe. Einen ersten Überblick, warum Perspektive so wichtig ist, bekommen Sie in meinem Beitrag „Wer erzählt denn da? Wie wichtig die richtige Erzählperspektive sein kann“.

Sicher haben Sie schon vom personalen oder vom allwissenden Erzähler gehört – nur zwei von vielen möglichen Erzählern, die für Ihre Geschichte zur Auswahl stehen. Die am häufigsten verwendeten Perspektiven sind:

Darüber hinaus gibt es aber auch noch andere, eher selten verwendete Perspektiven, wie zum Beispiel die Du-Perspektive.

Illustration einer Ratte von hinten
Ratten-Fakt

Domestizierte Farbratten eignen sich wunderbar als Haustiere.

Wie kann ich mir das mit den Erzählperspektiven denn nun vorstellen?

Um Ihnen ein Bild zu geben, stellen Sie sich den Erzähler als eine Krähe vor, die dem Leser die Geschichte übermittelt. Diese Krähe sitzt entweder ganz nah bei Ihren Protagonisten oder schwebt weit über der Szene und hat alles im Blick. Je nachdem, was sie von ihrem Standpunkt aus sehen und hören kann, fällt die Geschichte aus, die sie uns erzählt. Es handelt sich hier allerdings um eine ganz besondere Krähe, denn je nach Perspektive bekommt sie nicht nur mit, was die Personen in unserer Story tun, sondern auch, was sie denken und fühlen. Und manchmal kann sie sogar in die Zukunft schauen. Eine Zauberkrähe, sozusagen.

Der neutrale Erzähler

Fangen wir in der Distanz an. Unsere Krähe schwebt über dem Geschehen und betrachtet es von oben. Sie sieht, was die einzelnen Personen tun, sie nimmt wahr, was um diese Personen herum geschieht.

Aber in dieser Perspektive kann sie nur das: von außen beobachten. Sie kann weder in die Zukunft noch in die Vergangenheit schauen noch kann sie erkennen, was die Personen denken oder fühlen.

<p”>Die Krähe kann dabei natürlich auch einmal etwas tiefer fliegen und etwas näher an das Geschehen herangleiten, vielleicht einer Person eine Weile lang folgen, aber sie hat immer noch die Flügel ausgebreitet, um sich im nächsten Moment wieder in die Lüfte erheben zu können. Und dann fliegt sie vielleicht weiter zu einer anderen Szene und erzählt uns, was dort passiert. Aber auch hier berichtet sie ganz nüchtern und distanziert, was von außen wahrnehmbar ist, denn auch hier weiß sie nicht, was in den Personen vorgeht.</p”>

Genaugenommen ist es ihr auch egal. Und deshalb berichtet die Krähe uns ganz objektiv – oder neutral – von dem, was sie sieht. Sie wertet nicht, sie bringt keinerlei eigene Meinung ein, sondern sie gibt das Beobachtete einfach nur an uns weiter. Sie versucht uns nicht zu beeinflussen, sondern lässt uns eine eigene Meinung zu dem Geschehen entwickeln. Wir müssen selbst entscheiden, wie wir zu dem stehen, was dort passiert.

Ich habe zu Anfang gesagt, dass wir in der Distanz anfangen, und das ist richtig. Denn wenn wir der Erzählung der Krähe lauschen, entsteht wenig Nähe zu den Figuren, von denen sie uns berichtet. Wir neigen eher nicht dazu, uns mit den Personen zu identifizieren. Zum Identifizieren braucht es Gefühle, und es ist nur schwer möglich, Gefühle für eine Person entstehen zu lassen, die wir nicht verstehen.

Die Krähe hilft uns nämlich in keinster Weise, eine Innensicht auf die Protagonisten zu entwickeln. Was diese fühlen oder denken müssen wir, die Leser, uns selbst zusammenreimen. Einzig aus deren Haltung, der Mimik oder dem, was sie sagen, können wir solche Dinge erahnen. Der Krähe brauchen wir dafür nicht zu danken, denn sie hat uns keinerlei Hilfestellung gegeben. Sie hat uns nicht beeinflusst, ihre Meinung nicht durchscheinen lassen, war quasi unsichtbar.

Vorteile/Nachteile

Und das bringt uns zu einer der größten Gefahren beim Verwenden dieser Perspektive: Da wir uns als Leser nur wenig mit den Personen in der Geschichte identifizieren, besteht die Gefahr, dass sie uns egal bleiben. Wir fiebern nicht wirklich mit, wenn sie in brenzlige Situationen kommen. Wir freuen uns nur wenig, wenn sie Erfolg haben. Wir müssen uns außerdem unsere eigene Meinung zu allem bilden – und das kann auf Dauer etwas anstrengend werden.

Die mangelnde Nähe kann aber gleichzeitig auch ein Vorteil sein. Denn dadurch, dass sich der Leser nicht so sehr mit den Protagonisten identifiziert, kann er auch emotional stark aufgeladene Szenen leichter verdauen. Wenn zum Beispiel das Kind einer Hauptfigur einen grausamen Tod stirbt, kann das in der ich-Perspektive mitunter für den Leser emotional zu aufwühlend sein. Mit etwas Abstand zur Mutter lässt sich so etwas leichter verkraften.

Interessant ist allerdings, dass manchmal gerade dadurch, dass wir das Innenleben der Personen nicht kennen, Spannung entstehen kann. Warum hat er das jetzt getan? Wird sie es wieder tun? Fühlt er sich deswegen schlecht? Vielleicht finden wir die Lösung in seinem weiteren Handeln.

*

Die neutrale Perspektive ist in den letzten Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen. Das mag daran liegen, dass wir heute viel mehr Identifikation suchen. Aber wie Sie vielleicht erahnen können, ist es eben auch einfach nicht ganz leicht, mit einem neutralen Erzähler ein packendes Buch zu schreiben. Einer, der das meisterhaft konnte, war Ernest Hemmingway. Auch „Die Pest“ von Albert Camus ist in der neutralen Perspektive geschrieben.

Wofür eignet sich diese Perspektive?

Die neutrale Perspektive ist vor allem dazu geeignet, von großen Ereignissen (wie Kriegen) zu berichten oder längere Geschichten über mehrere Generationen hinweg (Familiensaga) zu erzählen. Die Handlung selbst ist hier wichtiger als die ausführenden Personen. Spannung entsteht durch die Geschichte selbst, nicht durch die Nähe zu den Protagonisten.

Fassen wir zusammen:

Merkmale der neutralen Perspektive

  • Außensicht
  • Keine Wertung durch den Erzähler
  • Erzähler bleibt mehr oder weniger unsichtbar
  • Hohes Maß an Distanz
  • Ruhig, sachlich, monoton, nüchtern
  • Erfordert Mitarbeit durch den Leser

Beispiel für eine neutrale Erzählung

Disclaimer: Wie ich oben geschrieben habe, ist die neutrale Perspektive nicht leicht zu meistern. Man möge mir daher den ein oder anderen Fauxpas verzeihen. Dennoch müsste hoffentlich klar werden, was gemeint ist.

In der Kirche war es fast vollständig dunkel. Das Licht der Straßenlaternen, das durch die langen Fenster fiel, schaffte es kaum, ein paar Zentimeter den Boden entlangzukriechen, und die Kerzen, die im Altarraum brannten, ließen einzig die Kanzel von unten müde aufflackern. Hin und wieder warfen die Wände das Echo eines vorbeifahrenden Autos zurück. Und dann war alles wieder still.
Langsam ging Marita das Mittelschiff entlang auf das dunkle Etwas am Boden zu. Immer wieder sah sie sich um, als befürchte sie, dass gleich ein Vampir aus der Dunkelheit gesprungen käme. Doch dann richtete sie ihren Blick wieder nach vorne und ging vorsichtig weiter auf die Vierung zu.
Als sie dort ankam, schlug sie sich die Hand auf den Mund, und erstickte einen Schrei.
Es war ein Mensch, der dort lag. Um seinen Kopf herum hatte sich eine dunkle Lache ausgebreitet, die im Licht der Kerzen matt glänzte.
Vorsichtig näherte sich Marita dem leblosen Körper und ging neben ihm in die Hocke. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf das Blut. Zögerlich streckte sie eine Hand nach dem Körper aus. Ein, zwei, drei Mal zuckte sie zurück. Dann berührte sie den Arm – nur kurz, aber lange genug, um zu merken, dass er kalt war.
Mit einem leisen Schluchzen sprang Marita wieder auf und drehte sich um.
Doch im gleichen Moment blitzte ein helles Licht auf. Ein Mann hatte eine große Kamera auf sie und den am Boden liegenden Körper gerichtet und drückte ein zweites Mal auf den Auslöser.
Marita erstarrte. Dann öffnete sie den Mund, aber es kam nur ein unverständliches Krächzen heraus. Eine Träne lief ihr die Wange hinunter.

Die Krähe, die uns diese Geschichte gezwitschert hat, ist tatsächlich neutral geblieben. Sie erzählt uns nur, was sie sieht. Das Setting, die Leiche, Marita, die die Leiche vermutlich gerade entdeckt hat.

Wir erfahren hier weder, was Marita fühlt, noch, was sie denkt. Wohl aber können wir es an ihrer Körpersprache und an ihrer Reaktion erahnen. Bei der Feststellung, dass der Arm kalt ist, habe ich mich fast schon aus der neutralen Perspektive hinausbegeben, denn die Krähe fühlt hier, was Marita mit ihren Händen spürt. Trotzdem erfahren wir nicht, wie es ihr nun geht, was sie denkt, wie tief der Schrecken sitzt. Wir können es einzig an ihrer Reaktion erahnen.

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Ich hoffe, dass die neutrale Erzählperspektive nun etwas greifbarer für Sie geworden ist. Beim nächsten Mal geht es weiter mit dem auktorialen Erzähler.


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